Video by Ioana Luca, Music by Detlev FothKUNSTPUNKTE 2007 in Düsseldorf / Text und Video Immer wenn die Kunstpunkte veranstaltet werden, muß ich an die Akademierundgänge denken. Die Zusammenhänge sind evident: beide Events finden in Düsseldorf statt, beide Veranstaltungen formulieren sich als Offene Tür und beide handeln ausschließlich von Kunst, beide sind bekannt, beliebt und werden als interessant empfunden. Ein wesentlicher Unterschied besteht im Veranstalter und dem sogenannten Hausherrn. Die Akademierundgänge werden von der Hochschule für Bildende Künste veranstaltet, Hausherr ist Rektor Markus Lüpertz. Standpunkt Eiskellerstraße. Veranstalter der Kunstpunkte ist das Kulturamt Düsseldorf, Hausherren sind 526 Künstler an 315 Standpunkten in Düsseldorf. Den Standpunkt Kunstakademie gibt es seit 1773, während die 315 Standpunkte der Kunstpunkte bis auf wenige Ausnahmen flüchtig sind, Mietsachen , die ihr Gesicht schnell wechseln können, manchmal sogar zwangsversteigert, verkauft, verjubelt, vererbt werden. Punkte, die wie Lichter auf dem Rhein schwimmen, um es einmal schwülstig auszudrücken, während die Akademie ewig scheint. Die Akademie ist alt und hatte viele Gesichter, viele Hausherrn, viele Studenten, die sich angezogen oder abgestoßen fühlten, zumindest war und ist die Kunstakademie ein zuHause, bevor die Reise für jeden Studenten weitergeht. Interessant wird das Künstlerleben tatsächlich erst nach der Akademie, da dann das Risiko einsetzt. Es gibt viele Menschen, die ihren Namen automatisch in Bezug zur Kunstakademie setzen, jeder von ihnen empfindet die Akademie als seine Akademie. Daher gibt es verschiedenste Akademierealitäten. Man kann von der Akademie Josph Beuys sprechen, ebenso selbstverständlich von der Akademie Norbert Kricke . Es war die Akademie von Arnold Böcklin, wenn er auch nur vier Semester in Düsseldorf studierte, es war die Akademie von Günther Grass, Heinrich Vogeler, Bertram Jesdinsky, Nam June Paik, Otto Pankok, Anselm Feuerbach, Immendorff, Günther Uecker usw. Die Namen sind endlos fortzusetzen und hier ungeordnet angeführt . Es geht einfach darum, zu zeigen, dass die KA Düsseldorf in der Biografie vieler Künstler eine Rolle spielte und spielt und jeder von ihnen eine ganz eigene Akademierealität erlebt und empfunden hat. Durch die Suspendierung Joseph Beuys , damals veranlasst von Johannes Rau, hat die Akademie eine große Beschädigung erfahren, durch die Unermüdlichkeit, die Kraft seiner Persönlichkeit und die große Liebe zu seiner Akademie, hat Jörg Immendorff der Akademie wie viele andere vor und neben ihm zu noch größerem Ansehen verholfen. Die Akademie ist nahezu unverwundbar, stolz, fast unabhängig, zumindest immer ein Haus der Hochbegabten gewesen und ist es ununterbrochen und unter Markus Lüpertz allemal. Im Ausland ist die KA Düsseldorf so bekannt wie keine andere Hochschule für Bildende Künste. Dem Geist der Akademie entsprechend, kommt es nicht von ungefähr, dass sie als einzige Hochschule in NRW keine Studiengebühren erhebt. Dies ist, was die Entscheidungen anderer Hochschulen von NRW betrifft, durchaus erwähnenswert. Die Kunstpunkte haben viel gemeinsam mit den Akademierundgängen. Man öffnet den Menschen, die nur zum Teil Sammler, Käufer und Galeriebesucher sind, die Tür, präsentiert Arbeiten, informiert, bietet Austausch, kommuniziert. Was die Qualität der Arbeiten betrifft, so setzt sich natürlich jeder Künstler einen eigenen Qualitätsmaßstab. In der Akademie wird die Auswahl der präsentierten Arbeiten mit den Professoren besprochen. Da das Kulturamt über keine Bewertungen verfügen kann und auch nicht darf, orientiert es sich richtigerweise lediglich an belegbarer Professionalität und hat darüber hinaus natürlich nichts mit den ausgestellten Arbeiten zu tun. Ich habe an etwa zwölf Akademierundgängen teilgenomen, Arbeiten ausgestellt. Da ich mein Studium 1985 beendet habe, habe ich nur noch ein paar Erinnerungen an die Rundgänge. Wie ich höre, wird heute weit mehr geworben als früher, verkauft ebenfalls. Als ich eingeschrieben war, wurde allenfalls unter der Hand verkauft. Ob und wieviel während der Kunstpunkte verkauft wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich gehe davon aus, dass verkauft wird. Ioana Luca und ich verkaufen während der Kunstpunkte, haben aber während der Akademierundgänge nicht verkauft. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Akademierundgängen und Kunstpunkten, der in dem Status des Studenten und der Realität des freischaffenden Künstlers besteht. Beide Veranstaltungen werden mit demselbem Ernst und vergleichbarer Konzentration betrieben, als freischaffender Künstler aber, der die Intimität seiner Räume öffentlich macht, verfügt man jedoch eben nicht über den Schutz einer Institution und nicht über den Schutz des Kollektivs und seines Professors und oder seines Rektors. Man ist alleinverantwortlich. Man ist als Student zwar auch alleinverantwortlich für die Qualität und die Aussage seiner Arbeit, als freischaffender Künstler jedoch, der seine Arbeit in seinen Räumen und seine Räume darüberhinaus öffentlich macht, verfügt man über wenig Schutz. Dieses Risiko besteht, dieses Risiko geht jeder der 526 Künstler ein. Dieses Risiko ist nicht einseitig. Der Besucher betritt, zwar eingeladen und willkommen, eine Privatheit, die, es liegt in der Natur der Sache, viel intimer ist als die Privatheit einer Wohnung. Falls der Besucher neugierig und umfassend interessiert ist, so besucht er, über übliche Empfehlungen hinaus, mal dieses, mal jenes Atelier. Sein Risiko besteht darin, dass er nicht weiß, was ihn erwartet. Ich spreche nicht von Qualitäten, die seinem Qualitätsanspruch widersprechen könnten. Von Qualität möchte ich gar nicht reden, da jedes Atelier, alle Arbeiten naturgemäß über Qualitäten verfügt und verfügen. Ich denke an Kommunikationsschwierigkeiten, die auftreten können. Nicht jeder Künstler ist kommunikativ, nicht jeder Besucher ist es, nicht jeder Besucher kann Störungen auffangen, umwandeln, sein Gegenüber für sich einnehmen, sein Gegenüber öffnen. Der Besucher hat als Besucher zwar den Vorteil, Dauer seines Aufenthaltes selbst zu bestimmen, den Nachteil jedoch, dass er sich als Gast legitimieren sollte. Es kann alles geschehen, der Besucher kann Arbeiten entdecken, die er sonst nicht entdecken würde, er kann interessante Gespräche über Kunst führen, die er sonst nicht oder selten hat. Genauso kann er natürlich Aufschneidern, Aggressiven, Betrunkenen, Moglern und geisitigen Hochstaplern begegnen wie sonst überall auch. Ein Provinzler mit Hausmeisterseele gibt sich z.B schamlos als weltberühmt aus, nennt erfundene Preise, redet den Besucher an die Wand, ein anderer schweigt abwesend und zeigt sich belästigt, ein besoldeter Pädagoge mimt den freien Künsler, all das gibt es und kann dem Besucher passieren.( All diese Schilderungen mögen übertrieben klingen, entstammen aber der Realität ) Das sollte ihn nicht abschrecken, es gibt von allem immer das Gegenteilige, neben jedem erfunden Preis steht ein nachvollziehbarer, neben jedem Geschwätz gibt es ein gutes Gespräch, neben jeder Abweisung ein wirkliches Willkommen. Ohne einen gewissen Humor kann kaum ein Gast einen Künstler und kaum ein Künstler seine Gäste ertragen . Ohne Empathie und die Bereitschaft, sein Gegenüber wahrzunehmen, sollte man weder besuchen noch sich besuchen lassen. Das ist ja ohnehin allgemein bekannt. Große Risiken, kleine Risiken. Der Besucher kann überwillkommen sein, dann eher Vorsicht, er kann mit Speisen und Getränken bestochen werden- in dem Fall sollte er seine Rolle überprüfen . Gibt es lediglich einen Händedruck und eine Tasse Kaffee, so ist das schon seriöser. Was die Künstler angeht, so müssen sie mit den verschiedensten Arten der Annäherung rechnen. Das kann von verhinderter Annäherung, also Ignoranz , bis zu verbrüdernder Überschwenglichkeit gehen. Es gibt Gäste, die stolpern gegen Bilder, ohne sich zu entschuldigen, andere dagegen entschuldigen sich, den Künstler anzusprechen, obgleich der Besucher willkommen und der Künstler durch die Tatsache, dass er an den Kunstpunkten teilnimmt, selbstverständlich ansprechbar ist. Manche Besucher nehmen den sogenannten Hausherrn, also den Künstler, gar nicht wahr und verwechseln ein Atelier mit einer Verkaufsbude, in der verhandelt und geschwatzt werden kann wie auf dem Aachener Platz oder einem beliebigen Ort. Auch das ist gewöhnungsbedürftig und zählt zu den Risiken dessen, der jedermann die Tür öffnet. Es gibt in Düsseldorf keine Bohème, es gibt keine Besucher, die größere Posten Arbeiten erwerben, um sie ins Ausland zu bringen. Das gab es vor etwa hundert Jahren, in Düsseldorf ebenso wie in Paris. Diese Veranstaltung hat nichts zu tun mit Parties, Ausschweifung , großen Gesten und großem Geschäft, an diesen zwei Tagen wird keine Kunstgeschichte geschrieben. Kunstpunkte ist eher eine bescheidene Veranstaltung und neben allem Positiven, das sie hervorbringt, genauso auch Ausdruck einer nüchternen, desillusionierten Zeit, in der Kommunikation schwierig , Begeisterung selten ist und Verkauf bemüht wirkt. Gleichzeitig sind die Kunstpunkte besonders und wertvoll, zumindest für Besucher wie Künstler stimulierend. Während des Akademierundgangs konnte man als Student einmal die Ausstellungsklasse verlassen, wenn man etwas Abstand brauchte, während der Kunstpunkte ist es den Künstlern nicht möglich, es sei denn , sie haben Bekannte oder Personal. Auch ein wichtiger Unterschied. Ich kann nur alle Besucher ermuntern: Geht in die Ateliers, zeigt Euch vor allem gesprächsbereit, denn nur dann lohnt sich der Weg. Geht ein gewisses Risiko ein, Ihr werdet es nicht bereuen. Detlev Foth, Düsseldorf
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